Erste Kritik zur Dramatisierung

Auf der Walter Mehring Seite (http://walter-mehring.info/) ist Anfang Januar eine Kritik meiner Theaterfassung des Romans "Müller" von Walter Mehring erschienen. In ihr schreibt Andreas Oppermann "Auf jeden Fall ist die Dramatisierung von “Müller – Chronik einer deutschen Sippe” ein Stück, das es wert ist, auf der Bühne ausprobiert zu werden. Wer die Inszenierung des “Kaufmanns von Berlin” in der Berliner Volksbühne gesehen hat, kann sich vorstellen, dass Olssons Müller-Fassung besser beim Publikum ankommt als Castorffs Kaufmann. Denn die Kraft der Satire, die in Mehrings Müller steckt, hat Olsson auf jeden Fall erhalten."

 

Müller. Chronik einer Sippe

Der Roman von Walter Mehring für die Bühne dramatisiert

„Die Müllers haben alles für bare Münze genommen (...). Ihr Vertrauen in die Unfehlbarkeit der Vorgesetzten war ebenso unerschütterlich und blind wie ihr Glaube an die Gerechtigkeit ihrer eigenen Handlungen."

So wie es keinen ‚deutscheren’ Nachnamen gibt als Müller, so gibt es keine mustergültigere deutsche Sippe als jene Müllers, deren Geschichte Dr. Arminus Müller von der Römerzeit an lückenlos erforscht und niederschreibt. Niemals zeichneten sich die Müllers durch „besondere Schicksale" oder „durch besondere Begabung" aus, doch ihre Bereitwilligkeit, sich dem jeweiligen Herrscher mit Hingabe zu unterstellen, war beispielhaft. Sie haben dem Heidentum abgeschworen, dem Teufel widerstanden, sie wurden „lutherisch zugleich mit ihren Fürsten", leisteten Heeresdienste und dienten ihren Herren gleichermaßen unbeirrt unter der Monarchie wie in der Republik. So konnte es Dr. Arminus Müller auch nicht vorhersehen, dass die Nationalsozialisten, deren Erhebung er selbst doch naturgemäß voll und ganz begrüßt hatte, ausgerechnet ihn auffordern würden, seine Rassenreinheit zu belegen. Eine Forderung, der er mit der gebotenen Müllerschen Eilfertigkeit und Gründlichkeit nachkommt und an der er gewissermaßen naturgemäß scheitern muss. Nicht nur, weil die (männlichen) Müllers ausgesprochen „triebbestimmte, brünstige Menschen" waren (Uwe Naumann), in der Wahl ihrer Frauen keinesfalls zimperlich und also ohnehin keine keuschen Leumundszeugen für Armin Müllers ‚Ariernachweis’. Vielmehr kritisiert Walter Mehring grundsätzlich die Hypostasierung der reinen Substanz, die solchermaßen erwiesen werden soll - und diese Kritik hat bis heute nichts an Dringlichkeit verloren. Die Substanz, die uns innewohnen soll und die rein erhalten werden muss, heißt heute natürlich nicht mehr ‚Rasse’ oder ‚Volk’.
Die wendigen Müllers wären bestens vorbereitet gewesen auf die heutigen Anforderungen, das ‚Eigentliche’ zu verwirklichen: jene Identitätsanforderung zum Beispiel, derzufolge wir alle unverwechselbare Individuen sein müssen, in einem fitten Körper, politisch engagiert je nach der Mode etc. Geändert hat sich die Diktion, nicht die Sache.
Als Armin Müller mit seinem ‚Bund der Teutoburger’ singend um ein nächtliches Weihefeuer tanzt, lässt Mehring eine „tolle Jazzband einen American Song intonieren, der den germanischen Spuk mit einem Schlag fortblies". Ein guter Jazzsong ist Walter Mehrings satirischer „Müller" noch heute, er hat nichts an Schärfe verloren und schon gar nicht seinen Gegenstand!

In Sven j. Olssons kunstvoller Bearbeitung steht der Genealogie der Müllers nun erstmals die Bühne offen.

 

(Verlagsankündigung chronos theatertexte. Ich danke dem Verlag für die Genehmigung zum Abdruck)

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