Ausschnitt aus dem Kapitel "Dienstag"

Morgens

Eine Minute nach Sieben. Das Ticken vom Uhrenfriedhof über­schlägt sich. Liege starr und starre in die Untiefen der Was­serflecken auf der Decke über mir. Angst kriecht an die Oberflä­che. Die Angst mich zu verlaufen. Ich kenne alles inwendig, kenne al­les aus­wendig. Schon tausendmal gesehen in dunkler Nacht, und doch kommt die Angst auf immer lauter werdenden Sohlen. Es ist alles so gleich. So furchtbar gleich. Ich brauche eine Karte meiner Decke. Dringend. Bevor ich mich verliere zwischen Mare Crisium und Mare Imbrium. Bevor sich mein Palus Putredinis im Lacus Mortis ertränkt, benötige ich eine Karte der Meere, Seen und Sümpfe, der Berge und Täler über mir. Nur so werde ich mir die Welt erklären können, den Weg zu mir finden. Ich muß meinen Nachthimmel kartieren.
Liege und weiß wieder nicht, ob ich geschlafen habe. Weiß nur, wieder waren sie hinter mir. Mit Steinen und Knüp­peln. Wieder konnte ich nichts als rennen. Immer schnell genug, daß die Meute auf Abstand blieb. Nie schnell ge­nug, um sie endgültig loszuwerden. So sehr ich mich bemühte, ich entkam ihnen nicht. Wieder hörte ich ihr Atmen trotz meines Keuchens. Wieso streng­te sie das Rennen nicht an? Mir riß es die Lunge entzwei und sie lächelten. Wieder und wieder trieben sich mich durch irgendwelche Stra­ßen irgendwelcher Orte irgendwelcher Länder. Wieder gab es keine Zeit herauszufin­den, wo und wie. Steine flogen, ich duckte mich und stand mit dem Rücken an der Mauer, neben mir andere, mit verbunde­nen Augen. Glaubte den Père Lachaise zu erkennen. Doch es war nur eine Mauer. Ir­gendwo. Nirgendwo. Hörte. Hörte Lieder singen, Haßgesänge. Und wieder waren sie hinter mir her. Mit Steinen und Knüppeln. Wieder konnte ich nichts als rennen. Gerade schnell genug, daß die Meute auf Abstand bleibt.
Ich höre ihr Atmen trotz meines Keuchens. Sie strengt das Ja­gen nicht an? Mir sprengt es die Lunge und sie grinsen dabei. Wieder und wieder treiben sich mich durch irgendwelche Stra­ßen irgendwelcher Orte irgendwelcher Länder. Und wieder gibt es keine Zeit herauszufinden, wo und wie. Wieder fliegen Steine, wieder ducke ich mich, wieder stehe ich mit dem Rücken an jener Mauer, neben mir andere, mit verbun­denen Augen. Ich sehe Gräber, die ich kenne. Lese verwitterte Abschiede auf zerfallenden Steinen. Blumen, grau und mutlos, neben ungestüm wucherndem Efeu, den Toten und Tötenden zum Trotz. Ver­gessene Gräber, Tote ohne Trauernde. Sehe Leben, siechen­den Tod, einsames Sterben. Ich höre Lieder singen und ver­schließe meine Ohren vor gebrüllten Haßtiraden. Und wieder sind sie hin­ter mir her, wieder greifen sie nach mir mit langen Krallen. Gierige Augen verschlingen mich mit Vorfreude und aus den Mäulern und Mündern trieft der Sabber. Ich renne über Treppen ohne Absätze, renne durch Straßen, die kein Ende nehmen. Plötzlich: alles leer. Nur ich und die Meute hinter mir. Und immer mit Abstand. In gebührendem Abstand. Immer der gleiche Ab­stand. Sind es viele? Keine Zeit zum Zählen, kann nur Masse entdecken. Schon sind sie da. Die Treppe verengt sich. Sie führt nach oben, immer weiter, immer enger. Sie dreht sich, verengt sich und führt höher und höher, während ich Stufe um Stufe hin­ter mir lasse. Der Abstand zur Meute wird grö­ßer, die der Stufen auch. Kann die Beine kaum heben, quä­le mich Stufe um Stufe weiter nach oben. Krieche, klettere. Die Verfolger bleiben zurück, ich quetsche mich zwischen Mauerwänden empor und lande in einem Zimmer. Fremdes Zimmer. An der Decke Wasserflecken. Erkenne sie und verliere mich an den Gestaden meiner Decken­meere. Finde keinen Weg zurück, keinen Halt zur Um­kehr. Irre wie blind zwischen dem Sumpf der Fäulnis und dem Meer des Verderbens und stürze mich verzweifelt in die Fluten. Will ertrinken und nicht fliegen. Neptun droht und ich falle.
Sehe jemanden auf dem Bett liegen. Er hat Ähnlichkeit. Ähnlich­keit mit mir. Sieht aus wie ich. Er liegt auf dem Bett und hört Schritte. Sie sind hinter ihm her. Mit Steinen und Knüp­peln. Er kann nichts als rennen. Immer gerade schnell genug, daß die Meute auf Abstand bleibt. Aber nie schnell ge­nug, um ihnen zu entkommen. Sie treiben ihn durch irgendwelche Stra­ßen irgendwelcher Orte irgendwelcher Länder. Es fliegen Steine, er duckt sich und steht mit dem Rücken an einer Mauer. Gierige Augen verschlingen ihn mit Vorfreude und die Füße versinken im Sabber, der zu Boden tropft. Er rennt über Treppen ohne Absätze, rennt durch Straßen, die kein Ende nehmen.
Unerwartet sind jegliche Zeichen von Zivilisation und Natur ver­schwunden. Unendliche Leere dehnt sich. Nur ich und die Meute hinter mir. Immer mit Abstand. Stufe um Stufe erklimme ich. Kein Geländer, das schützt und der Hand die Gelegenheit zur Hilfe gibt. Immer enger wird die Treppe, immer enger die Windung. Die Meute kann kaum folgen, ich kann meine Beine kaum noch heben. Quä­le mich Stufe für Stufe dem Himmel entgegen. Krie­che, klettere, quetsche mich zwischen Wänden aus behauenen Felssteinen empor und lande in einem Dachzimmer. An der Dec­ke Wasserflecken. Erkenne sie und verliere mich an den Gesta­den meiner Deckenmee­re. Irre wie blind zwischen dem See der Fäulnis und dem Meer des Verderbens. Stürze mich verzweifelt in die Fluten, will ertrinken und nicht fliegen. Ich falle.
Liege auf dem Bett, höre Schritte, Schreie und hoffe die Tür hält. Öffne die Augen und erblicke Straßen, die ich nicht kenne. Laufe durch Häuser­schluchten und kann keine Häuser entdecken. Die Augen sehen schwarz, versuche nicht zu fallen und höre wieder ihren Atem. Nur nicht stolpern. Jetzt nur nicht stolpern. Nicht stol­pern!
Renne, renne und renne.
Erkenne mein Mare Crisium und bleibe stehen. Schaue. Ein­fach so. Tückisch sanft kräuselt sich das Wasser. Es verhindert je­des klare Bild. Das Ufer verendet ohne sichtbaren Übergang im Wasser und ist bedeckt mit körnigem Sand, der sich zwischen meinen Zehen versteckt. Laufe, der Sand brennt, laufe schneller, der Sand brennt, bleibe stehen, der Sand brennt. Der Blick zurück ist Reflex. Mir bleibt die Salzsäule erspart, aber es finden sich keinen Spuren im Sand. Ich suche Abdrücke meiner Füße. Nichts. Endlose Stille. Nichts bezeugt meine An­wesenheit. Ich war nie da.
Suche Hilfe und finde mein Mare Crisium. Doch er trägt kein Weiß mehr auf den Wellen. Trugen sie weiß? Kein Kräuseln zeugt mehr von Leben. Das Wasser ist schwarz und ohne Tiefe. Totenstill der See. Blankpo­liert das Meer. Traue mich und mache einen Schritt ins Naß. Aber das Wasser ist kühl und merkwürdig trocken. Sehe Bruchstücke menschlichen Seins und sorglose Wellen ohne Weiß. Versuche die Splitter zu ordnen, aber kaum habe ich sie erkannt, verschwimmen sie schaumbedeckt. In rascher Folge lösen sich die Bilder ab. Ein Knirps im Matrosen­anzug, der geldzählende Konfirmant, ein Junge mit dreckigen Beinen, der Ball springt vom Fuß, der Gegner fällt mit gebroche­nem Schienbein, Willy Lohmann grinst.
Ich liege im Bett und versinke im See der Düsternis, ertrinke im Lacus Mortis. Hätte ich sie nicht benannt, wüßte ich nicht, wo ich mich suchen soll. Werde eine Karte meiner Deckenmeere erstel­len müssen, sonst verlaufe ich mich eines Nachts trotz der Na­men. Werde dann nicht fliegen können, sondern gleich dem Mi­notaurus gefangen sein. Doch werden mir weder Faden noch Federn helfen.

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