Hund = Fahrer

Im Vasant Vihar Continental ist die Welt noch in Ordnung. Jedenfalls die koloniale Welt von oben und unten, von Herr und Knecht. Natürlich würde jeder Verantwortliche des Hotels das Gegenteil behaupten und vehement verkünden. Allerdings, ein einfacher Blick in die Rules & Regulations des Swimming Pools beweist es: Herr ist Herr und Knecht bleibt Knecht. Unter Punkt 10 finden wir dort “Members should bring neither Pets nor Attendant, Servant or Driver at the Pool Side.”

Slapstick in Indien

Gestern abend auf dem Vasant Lok Market war Slapstick Zeit. Ganz kurz hintereinander ereigneten sich zwei kleine Szenen, die gegensätzlicher nicht sein konnten. Die erste war komisch, weil sie im Grunde sehr ernst war und mit einer kleinen Katastrophe hätte enden können, die zweite war komisch, weil sie komisch gedacht war, aber so traurig ernst war, daß es eigentlich eine Katastrophe war.
Szene 1:
Sandra und ich hatten eingekauft, allein ein paar Chips zum Bier auf dem Balkon fehlten. Ich parkte die Tüten und mich vor dem Modern Bazaar und Sandra begab sich auf die Suche nach den Chips. Im Laden gab es zwar Chips, aber diese waren allesamt importierte. Es sollten jedoch partout einfache indische, nur gesalzene, Chips sein. Auch die Suche in den Regale vor dem Geschäft blieb anfangs erfolglos. Dann fiel ihr, etwas versteckt, ein kleines, mit einer Tür verschlossenes Regal ins Auge. Und richtig, hinter dem Gitter winkten die Chips. Allerdings war kein Rankommen. Die Gittertür ließ sich nicht öffnen, denn davor stand eine Leiter. Eine sehr hohe Leiter. Sandra spähte nach oben, sah nichts und niemanden, und begann die Leiter zur Seite zu rücken. Ein Ruck, es reichte noch nicht, und ein zweiter, die Leiter war schwer, beim dritten kleinen Ruck bemerkte sie, daß ganz oben auf der Leiter doch ein Inder stand und arbeitete bzw. wollte. Er hielt sich am Reklameschild fest, es folgte kein vierter Ruck – alles war gut gegangen und keiner sagte ein Wort, keiner beschwerte sich.
Auch ich hatte den Mann auf der Leiter nicht gesehen, denn genau dort war in meinem Blickfeld ein anderes Schild gewesen. Erst nach dem zweiten Ruck bemerkte ich ein Bein und einen leicht schwankenden Körper, der nach Halt suchte. Kurz bevor er mit dem vierten Ruck in der Luft hing, hatte aber Sandra die Bescherung bereits bemerkt. Es war Slapstick pur.
Szene 2,:
Während nun Sandra die Chips bezahlte, sah ich eine Frau leichtfüßig aus einer Seitengasse auf das Rondel am Ende des Marktes laufen, drei Meter von mir entfernt, und sich hinter einer Säule verstecken. Und richtig geahnt, wenige Momente später kam ein Mann ebenfalls aus der Gasse. Sie sah sich hinter der Säule nach ihm um, ging in Deckung, er konnte sie nicht sehen, er ging weiter. Sie machte einen Gang um die Säule, war nun in seinem Rücken und wartete darauf, daß er irritiert nach ihr suchen würde. Man sah ihr den Wunsch ‘Dreh dich um’ am ganzen Körper an. Er ging stur weiter, als sei nichts geschehen. Sie schlich zur nächsten Säule, er ging weiter, verließ das Rondel und bog in die nächste Passage ein. Sie schlich zur nächsten Säule. ‘Dreh dich doch um’ schrie Gang und das vorsichtige Lugen um die Säule. Aber er drehte sich nicht um. Er schritt weiter und kümmerte sich nicht um seine Freundin. Was für eine Katastrophe. Und dieser Moment des Entdeckens hätte so schön sein können.