Ist Suizid Satire fähig?

Eine einfache Frage, eine einfache Antwort? Ja, denn nach Tucholsky darf Satire: Alles. Somit ist der Suizid Satire fähig. Aber ist die Antwort wirklich so einfach?

Stellt man die Frage nicht sich selbst und ohne Tucholskys Antwort im Hinterkopf, ist die Antwort in der Regel ein verwundertes 'Nein'. Wenn es denn verwundert und nicht erbost ist. Nein, Selbstmord ist natürlich nicht zum Lachen. Er ist eine Tragödie und darüber macht man keine Witze! Niemals. Ein Mensch entscheidet sich gegen das Leben und das ist nicht komisch. Selbstmörder sind nicht zum Lachen, sie sind tot.

Ein kabarettistischer 'Robert Enke Gedächtnisabend' ist demnach undenkbar. Ebenso, wie ein satirischer Suizid Blog. Letzterer würde ohnehin in den Weiten des Internets untergehen, aber ein 'Robert Enke Gedächtnisabend' - wird spätestens bei der Ankündigung von seiner Witwe verboten. Mit allergrößter Wahrscheinlich. Verständlich, sorgt sie sich doch um den Ruf ihres Mannes und findet Witze über seinen Tod pietätlos.

Wäre diese Abend nur ein Abend über Robert Enke und seinen ganz persönlichen Tod, wobei der Tod immer persönlich ist, dann müßte man ihr Recht geben. Doch geht es der Satire nicht um den Witz über das Einzelschicksal. Selbst, wenn der Einzelne scheinbar im Vordergrund steht. Die Satire meint immer den Kern, das Dahinter. Somit dreht sich der Text, das Gedicht oder der Song nicht um den Torwart, der das Leben nicht mehr erträgt, sondern um die gesellschaftliche Dimension, die sich im Schicksal des Einzelnen manifestiert.

Soldaten sind Mörder. Auch hier steht der einzelne Soldat im Mittelpunkt und ist auch gemeint, wenn er denn Beispielhaft für das Phänomen, das Soldaten morden, steht. Allerdings heißt es 'Soldaten sind Mörder'. Der Ausspruch meint somit Soldaten in ihrer Gesamtheit. Ganz generell, ganz verallgemeinernt sind Soldaten Mörder. Auch der Einzelne, der sich natürlich in seiner Ehre gekränkt fühlt, mordet. Wobei es nicht dieser oder jener Soldat ist. Es ist der Soldat als Typus, denn ein wesentlicher Bestandteil, wenn nicht der ureigendste Kern, ist das Töten anderer. Ein Krieg ohne Tod ist schlechterdings nicht denkbar. Die zentrale Aufgabe eines Soldaten ist somit das Töten, das je nach Sichtweise als Mord aufgefaßt werden kann.

Doch was haben die mörderischen Soldaten mit Satire zu tun? Für jetzt nur soviel, daß die Verallgemeinerung das Besondere einschließt und umgekehrt. Oder, um noch einmal Tucholsky zu bemühen: Wenn ich die Folgen der Trunksucht aufzeigen will, zeige ich am Besten einen Mann, der hoffnungslos betrunken ist.

Ein 'Robert Enke Gedächtnis Abend' fokussiert sich somit nicht auf den ehemaligen Torwart als Person, sondern auf den Menschen, der den Selbstmord als letzten Ausweg sah, stellvertretend für andere und durch seine Tat für das Publikum. Durch ihn im Mittelpunkt, kann der Suizid als gesellschaftliches Problem dargestellt und begriffen werden. Und Selbstmord ist ein gesellschaftliche Problem, wie auch sehr persönlich.

Der Tod betrifft jeden Einzelnen von uns ganz direkt. Doch der Tod ist ein Tabu. Über den Tod lacht man nicht, da senkt man die Stimme. Er hat, was wir auch anstellen, das letzte Wort. Da helfen keine freudigen Heilsversprechen und tröstenden Wiedergeburtsphantasien. Der Tod beendet das Leben endgültig. Ganz gleich, ob und was danach ist. Zumindest für die Hinterbliebenen.

Der Witz ist die Waffe der Unterlegenen, schrieb Heinz Greul 1967. Dem Tod sind wir immer und ewig unterlegen. Wie kämpfen wir gegen ihn? Durch ständige Verjüngungskuren? Ignoranz? Wir verlieren das Spiel gegen den Tod immer und überall. Warum sollen wir dann nicht über ihn lachen? Er hört uns nicht, aber wir befreien uns vielleicht für einen Moment von seiner quälenden Macht. Wenn nun aber das Lachen über den Tod uns hilft, den Schatten, den er auf uns wirft für einen Moment zu erhellen, dann sollte dies auch für das Lachen über den Suizid gelten. Natürlich ist es nicht komisch, wenn ein Mensch keinen anderen Ausweg aus dem Leben kennt, als Hand an sich zu legen. Aber dieser Tat für einen Moment etwas Satirisches abzugewinnen, hilft uns vielleicht diesen Schritt nicht zu machen oder anderen in ihrer Lebensnot zu helfen.

 

Satire will Lachen erzeugen, Lachen über etwas, um so zur Erkenntnis zu gelangen. Das Lachen als Transportriemen der Erkenntnisfähigkeit. Die Satire über den Suizid will den Zuschauer lachend machen. Er soll lachen. Lachen, das ihm im Halse stecken bleibt und dadurch eine Erkenntnis auslöst.

Ein Selbstmörder zeigt uns mit seinem Tod: Ich kann nicht mehr. Er will uns zum Innehalten zwingen. Wir sollen Nachdenken über die Umstände seiner Tat. Das Lachen, das uns aufschreckt, ist die Fortsetzung diese Absicht. Wir ertappen uns beim Lachen und schon beginnt ein Prozeß des Nachdenkens.

Natürlich kann Suizid auch Mitleid heischend sein. Aber schon Tucholsky sagte " Wir sollten nicht so kleinlich sein".

Selbstmorde betreffen uns jeden Tag aufs Neue. Züge sind unpünktlich, weil wieder einmal jemand auf den Gleisen liegt, und alle Bahnfahrer ärgern sich und schimpfen auf den Selbstmörder, der gerade dieses Gleis gewählt hat, und uns unpünktlich zur Arbeit kommen läßt. An der Stelle hört das Mitleid mit dem Selbstmörder auf. Wir sind betroffen, aber es geht uns nichts an. Wirklich? Vielleicht erkennen wir unserer Selbstbezogenheit, wenn wir über die Ich-Zentrierung anderer lachen? Wahrscheinlich eher nicht. Aber wenn es uns im Halse stecken bleibt, weil wir erkennen, wir sind gemeint?

Satire muß also wehtun. Schmerzhaft sein. Warum sollten wir sonst über sie nachdenken, wenn sie nicht wehtut. "Medizin muß bitter schmecken, sonst hilft sie nicht", hieß es in Kinderzeiten.

Also: Lachen über den Selbstmord! Menschen, die Hand an sich legen, lassen eine Leere zurück, die wir als Verletzung wahrnehmen. Schon sind wir betroffen und denken nicht mehr an den Toten. Lachen wir über ihn, bis es uns peinlich ist. Der Widerwillen aus der Peinlichkeit rückt das Opfer wieder in den Mittelpunkt. Schlagen wir uns auf die Schenkel über den mißglückten Suizid, bis es wehtut. So weh, wie das Leben, das so vielen Jugendlichen keine andere Perspektive als den Tod bietet.

Die Satire legt den Finger auf die Wunde der Zeit. Und der Arzt, dem hippokratischen Eid verpflichtet, muß helfen. Die Satire muß rufen 'Seht her, ein Selbstmord!'. Die Satire muß zum Lachen über den Suizid auffordern. Deshalb: 'Was darf die Satire?' Nach Tucholsky 'Alles'. Recht hat er.

 

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