Schlange stehen

Auf den ersten Blick erscheint die Kombination von Schlangen und Deutschland merkwürdig, gibt es doch weit und breit eigentlich nur Blindschleichen. Und zwar so oder so im eigentlichen Sinne des Wortes. Fast könnte man meinen, Blindschleiche sei ein Synonym für Deutscher oder Deutsche, doch soweit wollen wir an dieser Stelle nicht gehen. Sehen können neben Maulwürfen auch noch Hornmilben nichts, ebensowenig wie Blinde Kühe. Letztere tauchen allerdings nur auf Kindergeburtstagen oder Betriebsfeiern auf.

Schlangen in Deutschland sind vielmehr - ein Phänomen. Früher gab es sie nur als Erinnerung an schlechte Zeiten, Mangelwirtschaft und Ämter. Später waren sie bekannt aus den Erzählungen und Berichten unserer Brüder und Schwestern im Osten. Seit der Wiedervereinigung sind sie allerdings auch im Westen zu sehen, seit der Erweiterung der Öffnungszeiten ortsansässiger Konsumtempel immer öfter. Das Interessante an diesen Schlagen ist, sie werden nicht weniger oder kürzer, sondern nehmen eher an Häufigkeit und Umfang zu. Bemerkswert ist, daß sich erst jetzt und auch erst langsam das Recht auf die eigene Schlange, das Recht auf das Schlangestehen als Bürgerrecht herausbildet. Das heißt im Umkehrschluß jedoch auch, eine Schlange wird nicht umgangen! Der Deutsche hat das Recht auf einen Platz in einer Schlange, und damit hat er auch das Recht und die Pflicht erworben, bis zum Ende zu warten. Ob man will oder nicht. Denn Recht ist Recht und Pflicht muß Pflicht bleiben, da hilf kein Zeter und Mordio schreien. Wer in einer Schlage steht will warten, und die, die nicht wollen, haben einfach die Notwendigkeit der Schlange als solches, wie auch ihr Recht auf die Schlange nicht erkannt.

Darüber hinaus ist die Deutsche Schlange so etwas wie ein Jungscher Archetypus. Der Deutsche ist ohne Schlange kein Mensch! Er braucht sie zur Seinsfindung. Und damit ich endlich Mensch werde, suche ich mir jetzt eine Schlange. Vielleicht bei der Post, oder am Geldautomaten, oder auf der Autobahn, oder .............

 

Zurück